1 Reelle Matrizen

1.1 Einstieg: Lineare Gleichungssysteme

1.1.1 gängige Methoden

In diesem Kapitel werden die Methoden

zur Lösung von Gleichungssystemen einschließlich der Hintergründe behandelt.

1.1.2 Einige Beispiele zum Einstieg

Beispiel 1 - 1:
In der Klasse 7c sind 31 Schüler. Die Zahl der Mädchen ist um 3 kleiner als die Zahl der Jungen. Wie viele Jungen und Mädchen sind in der Klasse ?

M: Mädchen J: Jungen
M + J =31
M + 3 =J

Beispiel 1 - 2:
Drei Zahnräder eines Getriebes haben zusammen 80 Zähne. Bei 10 Umdrehungen des ersten Rades drehen sich das zweite 18 und das dritte 45 mal. Wie viel Zähne hat jedes Rad ?

A + B + C =80
A18 =B10
A45 =C10

Beispiel 1 - 3: Balken in einem Lager
Ein Balken (Länge k) wird in einem festen Lager links eingespannt und rechts von einem Seil in einem Winkel von 45 o gehalten. Eine Kraft F wirkt unter dem Winkel α auf die Mitte des Balkens.


PIC

Abbildung 1: Eingespannter Balken

Fragestellung der Technischen Mechanik ist bei diesem Beispiel die Bestimmung der Kräfte FA,FB und des Moments MA in Abhängigkeit vom Winkel α der angreifenden Kraft F (’Drehachse’ links): .


PIC

Abbildung 2: Kräfte an einem Balken

.
x - Richtung :0 FA+ 1 2 FB+0 MA = F cos α y - Richtung : FA + 1 2 FB+0 MA = F sin α DrehmomentM :0 FA+ k 2 FB+ MA =k2 F sin α .
.
3 Gleichungen, 3 Unbekannte .

Beispiel 1 - 4: Verschnittkreuz
Gegeben sind die zwei (zu bestimmenden) Mengen x1 und x2 eines Weins mit dem Säuregehalt G1 = 3, 8gl und G2 = 9gl, die zusammengemischt werden sollen zu einer (evtl. unbekannten) Gesamtmenge M und einem Gesamtsäuregehalt G = 6gl.
Die Gleichungen dieses Systems lauten dann:

x1+x2=M
G1 x1+G2 x2=G M

Nun multipliziert man die erste Gleichung mit G2:
G2 x1+G2 x2=G2 M
G1 x1+G2 x2=G M

Subtraktion der zweiten von der ersten Zeile ergibt:.
(G2 - G1) x1+=(G2 - G) M

und damit x1 = (G2 - G) M G2 - G1


oder x1 G2 - G
Die gleichen Schritte werden nach der Multiplikation der ersten Gleichung mit G1 analog durchgeführt:

G1 x1+G1 x2=G1 M
G1 x1+G2 x2=G M

Subtraktion der zweiten von der ersten Zeile ergibt:.
+(G2 - G1) x2=(G - G1) M

und damit x2 = (G - G1) M G2-G1
oder x2 G - G1.
Kennt man die gesuchte Gesamtmenge nicht, kann man für das Verhältnis von x1 zu x2 angeben:
x1 x2 = G2 - G G - G1 = (9.0 - 6.0)gl (6.0 - 3.8)gl = 3.0 2.2 1.36

.

Zum besseren Behalten dieser Gleichungen werden die Werte in einem (Verschnitt-)Kreuz aufgetragen:




G1 x1 (G2 - G)
G
G2 x2 (G - G1)



.
.
Mit Zahlen: .
.



3.8 3.0
6.0
9.0 2.2



.
.
Hat man nun eine vorgegebene Menge x1 = 630l, so kann man die Menge des Weins x2 einfach bestimmen zu:
630 x2 = 3.0 2.2

und

x2 = 630 2.2 3.0 l = 462l

.
Lösung des Beispiels mit Maple:
restart; eq1 := x1+x2 = M;
eq2 := 3.8*x1+9*x2 = 6.0*M;
solve({eq1, eq2}, {x1, x2,M}) ergibt:
x1 + x2 = M
3.8 x1 + 9 x2 = 6.0 M
{M = 2.363636364*x2, x1 = 1.363636364*x2, x2 = x2}.
Also: x2 ist frei wählbar, daraus ergibt sich x1 und daraus wiederum die Gesamtmenge.

Beispiel 1 - 5 mt9001
.

.

.

Beispiel 1 - 6 mt9002
.

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Die Systematik von linearen Gleichungssytemen kann diese Ergebnisse erklären.

1.1.3 Lösen von Gleichungssystemen über äquivalente Umformungen

Die Lösungsmenge eines linearen Gleichungssystem s Ax = c bleibt bei Anwendung der folgenden Operationen unverändert erhalten (Äquivalente Umformungen eines linearen Gleichungssystems):

1.
Zwei Zeilen können miteinander vertauscht werden.
2.
Jede Gleichung kann mit einer von Null verschiedenen Zahl multipliziert werden.
3.
Zu jeder Gleichung darf ein Vielfaches einer anderen Gleichung addiert werden.

.
Beispiel 1 - 7 mt9003 .
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Gauß’scher Algorithmus : Bringe das Gleichungssystem durch geeignete äquivalente Umformungen in Dreiecksform. Die letzte Zeile enthält die Lösung für eine Variable. Diese Lösung wird in der zweitletzten Zeile zur Bestimmung der zweiten Variablen verwendet usw.
Eine gebräuchliche Darstellungsform des Gleichungssystems ist die Matrixform

1.1.4 Übungen

.

1.1.5 Definition einer reellen Matrix
Matrix : rechteckiges Schema mit
m Zeilen
n Spalten
aik:Matrixelemente

A= a11 a12 a1n a21 a22 a2n a m1am2amn
.

i wird als Zeilenindex
k wird als Spaltenindex bezeichnet.

Schreibweisen:

A,A(m,n),aik, (aik)m,n

Sonderfälle:

m = n: n-reihige quadratische Matrix oder auch Matrix n-ter Ordnung .
Nullmatrix 0: Matrix, deren Elemente sämtlich verschwinden .

Spaltenmatrix:

a1 a2 a n
.

Zeilenmatrix:

a1a2an .

1.1.6 Transponierte einer Matrix

Vertauschen von Zeilen und Spalten ergibt die Transponierte einer Matrix : aikT = a ki .
Beispiel:

A = 1 3 4 2 0 - 8 AT = 14 0 3 2 - 8 .
.
Beispiel 1 - 8 .
.


.
.
= Nebendiagonale
= Hauptdiagonale

1.1.7 Gleichheit von Matrizen

Zwei Matrizen A,B sind gleich, wenn
aik = bik für alle i,k,
also wenn alle ihre Elemente gleich sind.

1.2 Spezielle quadratische Matrizen

1.2.1 Diagonalmatrix

aik = 0 für ik

a11 0 0 0 0 a22 0 0 0 0 a33 0 0 0 0 ann
.

Sind alle aii = 1, so nennt man diese Matrix Einheitsmatrix

100 0 1 0 001 = E.

1.2.2 Dreiecksmatrix

alle Elemente oberhalb oder unterhalb der Hauptdiagonalen verschwinden

Beispiel 1 - 9: Untere Dreieicksmatrix:

100 3 1 0 405
.

1.2.3 Symmetrische Matrix

aik = aki AT = A .
Beispiel:

1 4 - 2 4 5 0 - 2 0 8 .

1.2.4 Schiefsymmetrische Matrix

aik = -aki aii = 0 .
Beispiel: .

0 4 3 - 4 0 - 5 - 35 0 .

1.3 Rechenoperationen mit Matrizen

1.3.1 Addition

C = A + B cik = aik + bik
.
Beispiel 1 - 10 mt9005 .
.
.

.

.
Beispiel 1 - 11:       - - -- -T
-C -=- A +  <msup><mrow>B< /mrow><mrow ></mrow></msup >  .
Diese Operation ist nicht definiert .

1.3.2 Multiplikation mit einem Skalar

λ A = λ (aik) = (λ aik) für alle i,k.
.
Beispiel 1 - 12 mt9006 .
.
.

.

kommutativ:A + B =B + A
λ A =A λ
assoziativ: A + (B + C) =(A + B) + C
λ (μ A) =(λ μ) A
distributiv: (λ + μ)A =λA + μA
λ(A + B) =λA + λB

Beispiel 1 - 13 mt9007
.

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1.3.3 Multiplikation von Matrizen

A = 15 2 3 und B = 412 1 0 3

C = A B
.

Die Ergebnismatrix hat 3 Spalten und 2 Zeilen

C = c11c12c13 c21 c22c23
.

c11 = a11 b11 + a12 b21 = 1 4 + 5 1 = 9

Falk-Schema für die Multiplikation von Matrizen : .
.

A = 15 2 3 C


B = 412 1 0 3
.





a11a12c11c12c13





a21 a22c21c22c23










b11b12b13





b21b22b23





.
C = A B

cik =ai1 b1k + ai2 b2k + + ain bnk
= j=1na ij bjk
.


Beispiel 1 - 14:

A = 14 2 4 0 - 3 B = 1 10 - 2 3 5 0 14

C = A B

--C ----= --B --⋅-- A--

.







142- 71528






40- 341- 12












110






- 235






014







.


Multiplikation ist nur zulässig, wenn Spaltenanzahl A = Zeilenanzahl B .

Beispiel 1 - 15 mt9008
.

.

.

Rechengesetze für die Matrixmultiplkikation:

Assoziativität:A (B C) =(A B) C
Distributivität:A (B + C) =A B + A C
(A + B) C =A C + B C
(A B)T =BT AT
A E =E A = A

Die Matrixmultiplikation ist nicht kommutativ

Man kann jedoch bei Gleichungen mit Matrizen entweder auf beiden Seiten von links oder auf beiden Seiten von rechts mit einer Matrix multiplizieren (vorausgesetzt natürlich, die Anzahl Spalten bzw. Zeilen sind dazu passend): .

(B C) =(E F)
A (B C) =A (E F)
(B C) A =(E F) A
1.3.4 Übungen

.

1.4 Gauß’scher Algorithmus

1.4.1 Darstellung in Matrixform
- x + y + z =0 umbilden in Matrix:
x - 3y- 2z =5 1. Spalte: x,2. Spalte: y
5x + y + 4z =3 3. Spalte: z,4. Spalte: Konstante

- 1 + 1 + 10
1- 3- 25
5143

.

.
Das lineare Gleichungssystem kann geschrieben werden als A x = c .
nz Koeffizienten: aik
Absolutglieder (Konstanten): ci

A x = c

a11 x1 + a12 x2 + a13 x3 + + a1n xn =c1
a21 x1 + a22 x2 + a23 x3 + + a2n xn =c2
a31 x1 + a32 x2 + a33 x3 + + a3n xn =c3

A x =cmit x = x1 x2 x3 und c = c1 c2 c3

.

Entsprechend verfolgt jetzt der Gaußsche Algorithmus das Ziel, über äquivalente Umformungen die Matrix A in ein gestaffeltes System (Dreiecksform) zu bringen durch die Schritte:

1.
Vertauschen von Zeilen
2.
Multiplikation mit einem Faktor 0
3.
Addition eines Vielfachen einer anderen Zeile

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Beispiel 1 - 16 mt9026 .
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Beispiel 1 - 17 mt9009 .
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1.4.2 Lösungsschritte des Gauß’schen Algorithmus

Die Lösung eines linearen Gleichungssystems A x = c erfolgt durch Umformung in zwei, ggf. drei Schritten:
I. Vorwärtselimination mit
Ia. eventueller Pivotisierung (d.h. Vertauschen von Zeilen, bis die Diagonalelemente 0)
II. Rückwärtselimination

I. Vorwärtselimination

1.
Eliminationsschritt: (a110)
subtrahierea21a11-fache der 1.Zeile von 2.Zeile
a31a11-fache der 1.Zeile von 3.Zeile

Durch den ersten Eliminationsschritt entstehen in der 1. Spalte der Matrix Nullen, außer a11 sind alle ai1 = 0.
2.
Eliminationsschritt: (a220)
subtrahierea32a22-fache der 2.Zeile von 3.Zeile
a42a22-fache der 2.Zeile von 4.Zeile
3.
Solange wiederholen, bis die Dreiecksform vorliegt. (Die Koeffizienten der Matrix in Dreiecksform werden ab hier der Übersichtlichkeit halber mit Koeffizienten a ik bzw. c i bezeichnet.)

Ia. Pivotisierung

1.
Das Gauß-Verfahren versagt, falls das Diagonalelement oder Pivotelement (engl. für Dreh- und Angelpunkt) akk eines Eliminationsschrittes gleich Null ist, akk = 0 (Abbruch des Verfahrens bei Division durch Null).
2.
Pivotsuche: Ist ein Diagonalelement akk = 0, so vertauscht man die Pivot-Zeile k vor Ausführung des k-ten Eliminationsschrittes mit derjenigen Zeile m > k, die den betragsmäßig größten Koeffizienten für xk besitzt:
3.
Neue Pivotzeile m, neues Pivotelement amk.

II. Rückwärtselimination
Aus der Dreiecksform werden die Lösungen xi durch schrittweises Rückwärtseinsetzen gewonnen:

1.
Zuerst die unterste Zeile nach xn auflösen.
2.
Die anderen Elemente xi,i = n - 1,, 1 des Lösungsvektors x bestimmt man dann rekursiv mit der Gleichung xn = c n a nn, xi = c i a ii - k=i+1nx k a ik a ii ,i = n - 1,, 1

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Sei A eine 4x4-Matrix, dann lautet das Gleichungssystem A x = c mit dem unbekannten Vektor x = (x-1,x2,xn)T:

a11x1+a12x2+a13x3+a14x4 =c1
a22x2+a23x3+a24x4 =c2
a33x3+a34x4 =c3
a44x4 =c4

x4 erhält man aus der letzten Zeile: x4 = c4 a44
Der Wert für x4 wird in die vorletzte Zeile eingesetzt, diese nach x3 aufgelöst: x3 = c3 - a34x4 a33 .
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Das gleiche Schema wird auf die darüberliegenden Zeilen angewandt, bis alle Werte von x bestimmt sind.
1.4.3 Gauß-Jordan-Verfahren

Alternativ zum beschriebenen Gauß-Verfahren kann man auch die Koeffizientenmatrix noch weiter umformen, bis man eine Einheitsmatrix E erhält. Damit können die Lösungen direkt abgelesen werden.

A x = c
A-1 A x = A-1 c oder
x = A-1 c
Dies ist auch als Gauß-Jordan-Verfahren bekannt.
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Beispiel 1 - 18 mt9025 .
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Beispiel 1 - 19 mt9010 .
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Beispiele zum Gauß’schen Verfahren
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Beispiel 1 - 20 mt9011 .
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Beispiel 1 - 21 mt9012 .
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Beispiel 1 - 22 mt9013 .
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Ein Gleichungssystem hat

eine oder keine oder unendlich viele
Lösungen. .


Ist das Gleichungssystem (c = 0) homogen, so hat es entweder genau eine Lösung (die Triviallösung x = 0) oder unendlich viele Lösungen (darunter auch die Triviallösung).